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Herbststürme 

Ich stand auf dem Hügel, hielt kurz inne, um zu spüren, wie der Wind meine Haare zerzauste. Mit kräftigen Fingern zerrte er an ihnen, warf einzelne Strähnen vor mein Gesicht und riss sie im nächsten Moment wieder weg. Tosend und brausend fuhr er durch die Zweige des nahegelegenen Waldes, wirbelte Blätter aller Farben hoch hinauf in die Luft und liess sie wieder fallen. Unbeständig war er, kam mal von der einen, mal von der anderen Seite. Er schien genauso zu sein wie mein Inneres.
Unter mir erstreckte sich die Landschaft. Bis in weite Ferne  sah ich die Hügel, die mir so vertraut waren, stellenweise mit bunten Flecken Wald bewachsen. Graue, düster wirkende Wolken zogen schnell über mir hinweg wie eine dunkle, unbesiegbare Streitmacht. Meine Gefühle waren genauso zerwühlt wie sie, in Fetzen gerissen, zusammengebauscht und durchmischt von demselben Sturm. Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf, doch der Sturm zerblies auch sie. Sorgen, Ängste und Nöte vermischten sich mit Freude und Genuss, der Wunsch zu sterben verband sich mit dem Willen zu leben. Alle Gegensätze in mir wurden eins, aus ihnen entsprang eine gewaltige Kraft, und der Sturm  verkörperte sie. Nichts Weltliches hatte noch eine Bedeutung. Noch wenige Minuten zuvor – irgendwo in meinem Unterbewusstsein steckte dieses Wissen – hätte ich mich am liebsten von der Welt wegradiert. Alles war mir so erdrückend vorgekommen, die vielen Probleme des Lebens hatten mich erschlagen. Doch jetzt schien alles unwichtig. Ich sah die wilde, sturmgepeitschte Natur vor mir, und in diesem Moment schien nicht, rein gar nichts von Bedeutung. Ich hätte am liebsten Flügel aufgespannt, um mich von der nächsten Bö wegreissen zu lassen. Ich streckte die Arme aus, spürte, wie mir der Wind in den Rücken drückte. Ich stellte mir vor, wie ich wie ein Blatt durch die Luft gewirbelt würde, sah die Erde vor meinem inneren Auge tief unter mir. Weit in der Ferne grollte leise Donner. Die Wolken waren dichter und dunkler geworden, ein leichter Regen hatte eingesetzt, in dem zwar nicht viele Tropfen fielen, diese aber vom Wind heftig heruntergeschleudert wurden. Sie prasselten hart auf mein Gesicht, als ich nach oben blickte, um sie zu geniessen. Meine Haut wurde kalt und die Tropfen schlugen hart auf ihr auf, doch genoss ich es. Der Regen hatte etwas Reinigendes, Befreiendes. Der Wind wurde stärker, die einzelnen Böen länger. Manchmal riss er mich fast von den Füssen, und das Donnergrollen wurde lauter und kam näher. Für lange Zeit hatten meine Vernunft und mein Verstand geschwiegen, genauso wie die Gefühle. Sie hatten Platz gemacht für die Kraft, die ich aus dem Sturm gesogen hatte. Jetzt meldeten sie sich wieder, wie aus weiter Ferne zugerufen und vom Sturm übertönt kam mir zu Bewusstsein, dass es Zeit wurde. Doch eine kräftige Bö zerblies diesen Gedanken sogleich wieder. Aus dem Nichts, das meine Gefühle im Moment darstellten, kam ein reines Gefühl des Lebens. Ich lebte, und zum ersten Mal seit vielen Tagen spürte ich wieder diesen Lebensfunken in mir. Die Wolken und der Sturm hatten inzwischen etwas Apokalyptisches an sich, und genau das liebte ich. Es zeigte mir, dass ich wirklich lebte und nicht bloss existierte. Die düstere Landschaft wurde zu einem Ballen Kraft, den ich in mir trug. Langsam wandte ich mich zum Gehen. Als ich den Wald betrat, wirkte er bedrohlich, vermittelte das Gefühl, im nächsten Moment breche alles um einen herum zusammen. Doch ich fühlte mich dieser Welt zugehörig, war ein Teil von ihr und schöpfte Kraft aus ihr. Als ich zuhause ankam, umgab mich sofort wieder eine Welt aus Sorgen. Mit dem Licht der stillen, friedlichen und geschützten Räume strömten wieder Probleme auf mich herab und in mich hinein, wurden wieder zur selben unerträglichen Last wie zuvor. Mein Bewusstsein war wieder da, mein Verstand, mein menschliches Denken, und unterdückte die intensive Wahrnehmungskraft der Sinne, mit der ich zuvor den Sturm in mich eingesogen hatte. Doch der Ballen Kraft, der in mir steckte, unterstützte mich, gab mir die innere Ruhe und die äussere Energie des Sturms.

 

Endlos

Hier stehe ich nun, fernab jeder Zivilisation, alleine, und vor mir ragt der Berg auf, hoch und steil. Ich hätte nie gedacht, dass Berge so riesig sein können. Für einen Moment verlässt mich der Mut, aber die Strahlen der jungen Morgensonne erwecken die Kraft in meinen Gliedern. Ich beginne den Aufstieg und versuche, mich an alles zu erinnern, was mir gesagt worden ist.
Die ersten Meter geht alles ganz leicht. Ich meine zu spüren, dass meine Kräfte ausreichen, und noch erscheint mir der Weg ungefährlich und einfach. Aber dann kommt das erste grosse Hindernis: Eine Felswand ragt vor mir auf, unüberwindbar und steil. In mir höre ich die mahnenden Stimmen meiner Lieben: Alleine einen solchen Berg zu erklimmen sei gefährlich, es gäbe unzählige Orte, wo ich aufpassen müsse, und würde ich anderen Menschen begegnen, solle ich diese um Hilfe bitten. Ausserdem solle ich die gemachten Wege nicht verlassen. Sie dauerten zwar länger, seien aber weit sicherer, und ich könne mich auf ihnen nicht verirren.
Da ist auch wirklich ein Weg, der um die Felswand herumführt. Zögerlich betrete ich ihn. Er führt mich in einem weiten Bogen an der Felswand vorbei und schlängelt sich über bequeme Serpentinen hoch über das Hindernis, wo er meinem Blickfeld entschwindet. Ich folge ihm, aber noch ehe ich die halbe Strecke über den Felsen zurückgelegt habe, spüre ich, dass ich das nicht will. Das ist nicht mein Weg, er geht zu einfach, und wenn ich oben wäre, hätte ich den Berg nicht bezwungen, sondern derjenige, der diesen Weg angelegt hat. Ich zögere einen Moment, weil die Felswand zu schwierig erscheint, gehe aber dann zurück.
Wieder stehe ich unter der Wand. Ich trete an sie heran, betrachte sie: Eine zerklüftete Struktur mit einem komplexen Muster. Meine Hand berührt fast von alleine einen Vorsprung – ein Fuss schiebt sich in eine Vertiefung. Ich bin noch nie zuvor ohne Seil geklettert. Ich spüre Angst in mir hochsteigen. Nur ein Fehltritt, und ich stürze in die Tiefe. In diesem Moment ruft mir ein Wanderer von oben zu, ich solle warten, er gäbe mir ein Seil, mit dem ich mich sichern könne. Ich verneine und sage ihm, dass ich den Aufstieg alleine mache. Sein ungläubiger Blick trifft mich, und die Angst in mir lässt mich meine Aussage bereuen, aber in mir keimt der Wille auf, diesen Berg alleine zu meistern; klein und schwach ist er zwar, aber er glimmt in mir und gibt mir Hoffnung. Vorsichtig, Griff um Griff, klettere ich weiter. Sekundenlang hänge ich über dem Abgrund nur an einem Arm oder drücke mich mit pochendem Herzen fest an die Felswand, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und abzustürzen, aber ich fange mich immer wieder. Der Aufstieg gelingt.
Oben sehe ich bereits weit über das Tal. In der Ferne ist ein Stück Zivilisation: das kleine Dorf, das ich heute Morgen verlassen habe. Hier bin ich alleine. Der Wanderer von vorhin ist verschwunden, denn er war auf dem Abstieg.
Nach einer kurzen Pause gehe ich weiter. Mühsam erklettere ich Hang für Hang. Immer wieder gaukelt mir der Berg das Ende, sprich den Gipfel vor; immer wieder muss ich erkennen, dass es noch länger dauert. Endlos erscheint der Weg, und mein eigenes Gewicht zieht mich gnadenlos nach unten. Die Baumgrenze habe ich schon am Mittag hinter mich gebracht; hier, wo ich jetzt bin, wagt sich fast niemand mehr her. Der Weg zehrt an meinen Kräften, unendlich schwer geht jeder Schritt. Aber mit jeder neuen Erhebung wächst der Wille in mir. Der Funke hat sich entzündet und erleuchtet mein Innerstes. Je mehr Kraft aus meinen Gliedern schwindet, desto heller flammt mein Wille auf, es zu schaffen. Schliesslich, schon hoch über den Tälern, sehe ich ein Gipfelmeer unter mir. Aber die Arbeit ist noch nicht getan. Ein Fels ragt noch vor mir auf, hoch und spitz, der letzte aller kleinen Gipfel und Ziel meiner Mühen. Ich lege alles ab, was ich getragen habe, den Rucksack, den improvisierten Wanderstab und sogar einige Kleidungsstücke, die ich jetzt nicht benötige. Langsam, fast wie am Anfang, aber statt mit junger Kraft jetzt mit alter Erfahrung ausgerüstet, beginne ich den Aufstieg auf diese letzte Felsnadel. Es ist schon Abend; die Sonne scheint mir in den Rücken, aber sie sinkt gerade unter den Horizont, und der Schatten wandert sichtbar schnell an der Felsnadel hoch. Bevor das Licht verschwinden kann, klettere ich, sorgfältig und nicht zu eilig, nach oben. Ich erreiche die Spitze am Ende meiner Kräfte. Ein unheimliches Glück durchströmt mich jetzt. Ich richte mich auf und stehe auf der kleinen Plattform ganz zuoberst. Unter mir liegt ein Meer aus Nebelwolken, die die Täler füllen, gespickt von kleineren und grösseren Gipfeln, die, noch für wenige Sekunden, rot von der Sonne beleuchtet werden, bevor auch sie im Blau der aufsteigenden Nacht versinken. Der Wind zerrt an meinen Haaren und Kleidern, ich fühle mich hier oben schwerelos und frei. Der Himmel flammt rot auf und lädt zum Fliegen ein. Ich breite die Arme aus und schliesse einen Moment lang die Augen, spüre, wie mich der Wind in weite Ferne entführt und in endlose Sphären trägt. Ich schwebe über allem, jeden Gewichts ledig, das mich nach unten ziehen könnte. Langsam öffne ich die Augen wieder, Phantasie und Wirklichkeit vermischen sich einen Moment lang. Ich glaube weit über dem Grund zu sein, spüre und sehe den Boden unter mir nicht mehr und verliere mich in der Unendlichkeit des Blicks über die Brandung des Nebelmeers an den Felsengipfeln. Lange stehe ich so da und geniesse die Leichtigkeit, die mich ergriffen  hat. Erst als die Sterne hell über mir glimmen und der letzte Schimmer der Sonne längst hinter dem Horizont verschwunden ist, wende ich mich zum Gehen. Obwohl ich immer noch erschöpft bin, geht jetzt alles sehr viel leichter. Ich trage ein Stück dieser Schwerelosigkeit in mir. Ein kleines bisschen dieses unsterblichen Glücks bewahre ich tief in meiner Seele auf. Ich beschliesse, in das Dorf zurückzukehren. Aber ich gehe nicht denselben Weg zurück. Ich suche einen neuen Weg – einen, den noch niemand gegangen ist.

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